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Hegel1, Stuttgart

Veröffentlicht am 24.07.2020

Restaurantbesuch

Wie schnell doch Erfahrungen und Urteile veralten. Habe ich kürzlich noch von meiner Erfahrung berichtet, dass es im Elsass bei Halbpension und in einem besseren Lokal keine Wahlmöglichkeit gab, weil eben nur ein Menü angeboten wird, so komme ich wieder nach Stuttgart und ein paar Tage später ins Hegel1 im Lindenmuseum. (Hier schlägt mein Rechtschreibprogramm Linsen- oder Lendenmuseum vor. Was letzteres wohl sein mag?)

Keine Ahnung was das 1 hinter "Hegel" bedeuten mag, vielleicht haben die Betreiber große Pläne?

Die überraschende Erfahrung auch hier: es gibt nur ein Menü zur "Auswahl". D.h. es gibt doch wenigstens beim Hauptgang die Möglichkeit zwischen Fleisch, Fisch und vegetarisch zu wählen. Da wir eine größere Gruppe sind, findet sich für jede Möglichkeit eine Interessentin. Alle anderen Gänge sind nicht verhandelbar. Das ist schon so zu verstehen. Als er junge agile Kellner uns die Menüfolge erzählt, kommt bei der Dame beim zweiten Gang etwas Unwillen, bei mir dagegen Enthusiasmus auf: Thunfisch-Spagetti(!). Ich frage vorsichtshalber im Interesse der Dame, ob der Thunfisch aus der Dose wäre? Nein! Überhaupt sollen wir uns auf eine Überraschung gefasst machen. Er überredet tatsächlich auch die Dame diesen Gang nicht zu überspringen.

Es kommen dann tatsächlich keine Spagetti im eigentlichen Sinne, an und für sich, sondern Spagetti: als ob. Das heißt Thunfisch-Streifen, die wie Spagetti zu einem Nest gewickelt sind; ich finde trotz genauer Suche keine Spagetti! Die Dame ist entzückt, ich etwas weniger.

Vor jedem der Gänge wird noch einmal minutiös erklärt, was wir da serviert bekommen, auch der letzte Soßenspritzer oder mikroskopisch eher zu entdeckende Gemüsepartikel werden gewürdigt! Diese hinterlassen flüchtige Eindrücke, kaum greif- und schmeckbar, schon wieder verschwunden. Mehr und ausgezeichnet gibt es Fleisch, Fisch und vegetarischer Reisknödel(?). Unmöglich sich die Beschreibung der Schritte zum Sattwerden, wenn das noch ein Ziel war, zu merken. Statt dem Hunger zu stillen, wozu diese Lokale nicht eigentlich gedacht sind, obwohl das doch stattfindet, soll unser Genusssinn geöffnet, gefordert und überwältigt werden. Nicht, dass wir etwas auswählen um unsere Erwartung zu bestätigen, sondern wir sollen tapfer uns auf etwas Neues einlassen. Das ist ein sympathischer Gedanke, der natürlich auch schief gehen kann. Aber dann lässt man es links/rechts oder eben auf dem Teller liegen.* (Man wünscht sich bei den Herrn im Anzug am Nebentisch auch eine solche politische Offenheit.)

Der junge Mann, der uns umschwirrt, hat Humor und versteht seine Gäste zu umgarnen! Leider auch hier die Erfahrung, dass der erste Wein, den wir trinken möchten, gerade aus ist. Wieder frage ich mich, sind wir auf den Massengeschmack gekommen? Da die Weinkarte, dt. und österreichische Weine, nicht übermäßig groß ist, muss auch nicht sein, ist das nicht recht verständlich. Oder hat das Museum keinen Keller um Weine zu lagern? Wie auch immer, der Ersatz traf es nicht ganz, etwas zu schwer, dafür der anschließende Rotwein. Der beförderte die Stimmung in dem kleinen Lokal, wo außer uns nur ein Tisch besetzt war, so dass der Zuckerhut, den der Nachtisch ziert, gleich in einen echten verwandelt wurde, ohne das unsere Albernheiten hier gestört hätten. Freundliche Atmosphäre.

Eine Seltsamkeit ist doch, sie wechseln die Abendmenükarte wie die Jahreszeiten; nun kann man raten, wie oft im Jahr die Jahreszeiten wechseln?! Es scheint, sie rechnen nicht damit, dass wir sobald wieder kommen...

Das Restaurant ist nicht billig, man kann mit einem Huni pro Person rechnen, aber es hat sich doch gelohnt. Fisch-, Fleisch- und die grünen Freund*e waren sehr angetan.

 

* Wem das etwas peinlich ist, dem sei verraten, dass man den Zuckerhut gegen Ende der Veranstaltung leicht mit etwas Wasser zum Verschwinden bringt...

 

 

 

PS: Wer nach dem Essen sich nicht nur über das Essen unterhalten möchte, dem sei eine kleine Vorbereitung empfohlen: Sie könnten vorher das Buch* lesen, v.a. aber den Teil über Cholera und Pettenkofer und mit dem vergleichen, was heute (24.7.) in der Online-Ausgabe der SZ steht. Man kann da über deren Journalismus etwas lernen und trefflich diskutieren. Ist der Titel des Artikels "Geld oder Leben" schon eine Zumutung, dann der Schluss, bei dem die Autorin beim Soldaten im Krieg landet. Sie müssen nur darauf achten, den Verdauungsprozess nicht aus der Bahn zu bringen.-

"Geld oder Leben" ist die falsche Fragestellung - manche/viele sind hinterher vielleicht beides los, wenn sie der SZ zu viel Glauben schenken...

 

*Langbein, Kurt und Bert Ehgartner: Das Medizinkartell. Die sieben Todsünden der Gesundheitsindustrie. München 2002

Darin: "Bildung, Wohlstand und Freiheit sind die einzigen Garanten für die dauerhafte Gesundheit." (Rudolf Virchow).

 

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