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Wielandshöhe

Veröffentlicht am 04.01.2021

Ein Koch, ein Lokal in Stuttgart

(Zur Erinnerung, der Text entstand im Dezember 2019)

Nun waren wir, d.h. ich, zum ersten Mal auf der Wielandshöhe (Stuttgart) bzw. in derselben. Ihr Chef ist eine lokale Größe und durch Fernsehen, Bücher usw. bekannt. Sein letztes Buch wandert mit seinem Bauch nach Wien...

Freunde waren schon öfters dort - mit gemischten Erfahrungen. So waren X. die Portionen zu klein, Y. waren sie zu groß und zu viel.

Das Lokal mit Blick auf die Stuttgarter Abgründe (Hanglage) ist für seine Aussicht berühmt, freilich muss man dafür einen Fensterplatz bekommen, was natürlich nicht jedem möglich ist. Wir saßen zum Beispiel rel. in der Mitte, in einem etwas zu dicht bespielten großen Raum, was die Bedienung zweimal meinen Hinterkopf touchieren ließ. Nun ja, man ist anderes gewöhnt.

Die Einrichtung ist etwas unauffällig, große Kerzen heizen ein, mit einem Adventskranz drumherum. Das mag dem pietistischen Umfeld geschuldet sein, ich empfinde das als Atheist irgendwie zwischen überflüssig und einer Zumutung. Zumal das Ding auch Platz auf unserem kleinen Tisch wegnahm.

Die Einrichtung ist nicht eben farbenfroh, weiße Tischdecken, die etwas von Grabtüchern an sich haben, die alles bedecken, die Vorhänge so eine Art grau-braun, schwer zu sagen.

Das Personal: ein Mischung aus international und schwäbisch bieder, eine raffinierte Bedienung brachte rasch in Erfahrung, ob wir gourmet-erfahren sind, da eine entsprechende Suppe, die einen asiatischen Anhauch würzte (bzw. umgekehrt), wohl nichts für ungeübte Esser sei. Nun ja.

Der Chef des Hauses, der schon seine Präsenz auf der homepage verspricht, ist ein umtriebiger Schwabe, der das richtige Konzept für das lokal engagierte, "seriösere" Bürgertum gefunden hat; solche Lokale gibt es nicht viele. Wenn in anderen meistens zu viel Chichi ist, ist hier zu wenig "Glamour", hier könnte sich auch ein Herr Kretschmann mit seinen potenten Freunden wohl fühlen.

Das Essen war gemischt; sehr guter erster Gruß aus der Küche, die es als Umrahmung gab, also am Anfang ein Stück Quiche, am Ende ein paar Pralinen - auch zum Mitnehmen. Mein Fisch war ausgezeichnet, der Kartoffelsalat etwas müde, der Dame schmeckt er freilich. Dafür fand sie nach der ausgezeichneten Suppe das Wild etwas belanglos.

Das Lokal ist etwas zu sehr auf seinen Besitzer zugeschnitten, etwas "farbigere" (nicht rassistisch gemeint) Bedienungen würden dem Lokal mehr Note geben; es reicht, wenn die Gäste reizarm sind.

Das Bürgertum spaltet sich in verschiedene "Szenen", war hier die mächtigere: höhere Bürokraten, Anteilseigner, Kapitalbesitzer und ihre oberste Vasallengarde, sicher auch Bankster... Auf alle Fälle auch Leute mit Gutschein, die mal höhere Luft schnuppern durften: Es lebe die Motivation.

Was wir vermuten, dass der kulturpräsente Chef der Küche ein Urbild ist, wie jeder erfolgreiche Koch, des ideologischen Neoliberalismus. Jemand, der keinen Ruhestand kennt und der es zu etwas gebracht hat. Ein Vorbild. Das paart sich mit den vielen FernsehkommissarInnen, die wenig oder ein missglücktes Privatleben haben, aber immer im Dienst sind, damit das Publikum weiter schlafen kann und seine Alpträume träumen.

Essen wird überschätzt, das wissen wir, und als "Kunstform" erst recht. Freilich ermöglicht es geschmäcklerisches Beisammensein und sinnlich-körperliches Genießen, also viel direkter als Malerei oder Musik. Dass es darunter auch Opfer dieser Kunstform gibt, die das Maß verloren haben, war zu sehen. Freilich sind wir keine Fitness-Pfeifen, und auch hier gibt es kein richtiges Maß.

Den italienischen Rot-Wein hatte die Dame ausgesucht, dabei mir etwas entgegen gekommen, was sie dann bereute, ein Bordeaux hätte ihr besser gemundet. Ich fand den kühlen unaufdringlichen Wein durchaus passend.

Selbst wenn ich viel Geld hätte, Stammkunde wollte ich dort nicht werden, da gibt es doch interessantere Lokale in Stuttgart. Freilich musste ich mir sagen lassen, das Preis-Leistungs-Verhältnis gilt in Sterne-Lokalen nicht. Und wenn doch, bilden Kohäsions- und Adhäsionskräfte eine unklare Gemengelage, zumindest unsereiner wird da hin und her geworfen und findet keinen Halt.

 

Da freut es einen doch, wenn man den Vorsitzenden der Linken, auch eine Stuttgarter Größe, im Hochglanzprospekt der Stuttgarter Zeitung, neben einer goldigen Breuninger-Werbung als Koch mit Rezept erblickt, der dazu noch eine schöne Geschichte erzählt, wie er seinen Freund, den "Altkommunisten", eingeladen hat und ihm das angezeigte Rezept zubereitete. Das dient sicher der Unterwanderung der bürgerlichen Leserschaft, die daraus lernen kann, dass Altkommunisten auch gerne essen, und der Linken-Chef kochen kann. Und ein schöner Trost, dass es doch auch daheim gut schmeckt, ist allemal sein Geld wert. Guten Appetit!

 

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