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Marxismus

Marx in der Welt

Vor mir liegen zwei dicke Bücher zusammen über 1000 Seiten, die sich den jüngsten Beiträgen zur Marxschen Theorie verdanken bzw. widmen. Ein Mammutwerk, das die ganze Welt umfasst, mein Eindruck – soweit das ein Mensch schaffen kann, und das hohen Respekt verdient. Mit großem Gewinn habe ich es gelesen, weil ich auf viele Leerstellen und Lücken aufmerksam gemacht wurde, und einige neue, vielversprechende Hinweise gewonnen habe.* Und so sollte man das Buch auch lesen. Also ein Stadtplan, der durchaus auch die Sehenswürdigkeiten bewertet, auch zeigt, wo sie zu finden sind. (Aber auch Orte, die sich weniger lohnen.) Dass das Buch keinen Verlag gefunden hat, und also bei Books on Demand gelandet ist, ist schade, wirft leider auch kein gutes Licht auf unsere linke Verlagslandschaft.

Liegt es daran, dass der Autor zu radikal (radikal lässt sich freilich nicht steigern!) für unsere Zeit ist?

Der Rest meines Textes ist ein Exkurs: Würde man das Buch rückwärts lesen, wären solche Stellen echte Stolperfallen: »Der demokratische bürgerliche Staat und die demokratische politische Ideologie erwiesen sich als die gefährlichsten Gegner der kommunistischen Arbeiterbewegung.« Ich will versuchen, diesen Satz zu verstehen, der auf die Politik der Komintern im 2. Weltkrieg Bezug nimmt. Er setzt W.I. Lenin gegen D. Losurdo:

»Losurdos Antifaschismus steht einem wirklich konsequenten Antiimperialismus im Wege. Der Antifaschismus ist eine gefährliche ideologische Waffe der Bourgeoisie im Klassenkampf gegen das Proletariat, weil er die Aufklärung der Massen über das Wesen des bürgerlich-demokratischen Staates behindert und letzteren als das ›kleinere Übel‹, das gegen ein ›größeres Übel‹ (Faschismus) zu verteidigen gilt, darstellt.«

»Lenins Losung der ›Umwandlung des imperialistischen Kriegs in den Bürgerkrieg‹ wurde, von Moskau verordnet und im Namen des Antifaschismus begründet, durch die Unterstützung der ›eigenen‹ imperialistischen Bourgeoisie ersetzt.«

Man kann im marxistischen Antimilitarismus diese, Lenins Position, die für den 1. Weltkrieg Gültigkeit hatte, aber angesichts der Horrors des deutschen Nationalsozialismus modifizieren, dass es das wichtigste Ziel aller anderen (gegnerischen) Staaten sein musste, diesen Staat (und seine Verbündete) schnellstmöglich zu Fall zu bringen, um Krieg und Konzentrationslager zu beenden. Dazu konnten die Arbeiterparteien, auch die kommunistischen, einen Waffenstillstand mit ihrer Bourgeoisie schließen. Aber, und nun kommt das große Aber: ohne die Kritik an der kapitalistischen und imperialistischen Politik der nationalen und internationalen Bourgeoisie aufzugeben, und, sobald der Krieg zu Ende ist, die Revolution zu propagieren, unterstützen und, wo möglich, zu versuchen. Was Stalin tat war freilich etwas anderes, worauf Hoff am Beispiel Griechenlands hinweist. (Es lassen sich viele Beispiele für die Unterordnung der nationalen revolutionären Politik unter die Interessen der SU finden…)

Was Hoffs Position stärkt, ist die Gegenwart und seine Kritik am gegenwärtigen »Antifaschismus«: Weil dieser Illusionen über den bürgerlichen Staat und die bürgerliche Mitte schürt, die Massen vor sich her treibt und ›demokratische‹ (parlamentarische) Spielchen befördert, während der neue deutsche Imperialismus aus seinem Dornröschenschlaf erwacht und zum dritten Mal gegen Russland rüstet. Und die »antifaschistische« Mitte dem Imperialismus in die Arme treibt, wozu auch die Geschichte(n) über die Ukraine oder Israel gehören.

»Eine solche Behauptung [›dass man die Ukraine leidenschaftlich und mit voller Kraft unterstützen muss‹ (Timm Graßmann)] fordert natürlich die Frage heraus, welche Ukraine und welche Ukrainer man denn unterstützen soll. Die Herrschenden, die nationale Bourgeoisie und den bürgerlichen Staat mit seiner aggressiv antikommunistischen Repressionspolitik (…)? Oder die Beherrschten, die von der staatlichen Exekutivgewalt massenhaft gegen ihren Willen zwangsmobilisierten Untertanen, die verfolgten ukrainischen Kommunisten wie die Brüder Kononovich, die inhaftierten sozialistischen Kriegsgegner wie Bodgan Syrotjuk?«

Lenin hat den Schwindel, der wieder aktuell ist, schon klar benannt, deshalb behält er hier ausnahmsweise das letzte Wort, auch wenn die Geschichte und damit die Analyse weiter geht:
»Sozialchauvinismus ist das Eintreten für die Idee der Vaterlandsverteidigung […]. Die Sozialchauvinisten machen den Volksbetrug der Bourgeoisie mit, indem sie dieser nachsprechen, der Krieg werde geführt, um die Freiheit und die Existenz der Nationen zu verteidigen, und damit gehen sie auf die Seite der Bourgeoisie über, wenden sich gegen das Proletariat. […] Da der Sozialchauvinismus in Wirklichkeit die Privilegien, Machtpositionen, Raubzüge und Gewalttaten der ›eigenen‹ […] imperialistischen Bourgeoisie verteidigt, ist er gleichbedeutend mit völligem Verrat an allen sozialistische Grundsätzen […].« W.I. Lenin

Jan Hoff: Emanzipatorisches Denken auf sechs Kontinenten. Ein Überblick über die Marx-Rezeption der Gegenwart. Zwei Bde. Verlag: BoD, Hamburg 2026

* z.B.:  »Die Krise ist ihm [Marx] zufolge als der Eklat aller Widersprüche der bürgerlichen Produktion anzusehen.« in: Graßmann, Timm: Der Eklat aller Widersprüche. Marx’ Theorie und Studien der wiederkehrenden Wirtschaftskrisen. Berlin/Boston 2024