Die Urlaubszeit beginnt
Die Traube Tonbach in Baiersbronn erfreut sich unter denen, denen das Geld nichts ist, aber die orale Form der Befriedigung alles, großer Beliebtheit. Nicht leicht in deren Spitzenrestaurant Schwarzwaldstube zu gelangen. Sie war auch bei unserem Besuch sehr gut belegt. Freilich kann so ein 3 Sterne-Restaurant kein (räumlich) großes sein, selbst wenn sich mehr Leute das leisten könnten. Die Reichen nehmen zu – wie die Armen, aber in ungleichen Proportionen… Was, wie die bürgerliche Ökonomie im Feuilleton lehrt, alles seine Ordnung hat, denn es regnet schließlich von oben nach unten, wie alles Gute eben von Oben kommt, notfalls, in der Krise auch die Diktatur. Aber so weit sind wir noch nicht, auch nicht beim Essen in diesem Lokal, wo es eine kleine Auswahl gibt. Da sind »sie« anderswo schon weiter, und bereiten uns auf eine Zukunft vor, wo es erst recht keine Alternative mehr gibt. Aber auch das kennen wir bereits, und vermittelt etwas über unerhörte und übersehene Zusammenhänge. (Aber wir verbieten uns hier alle Soziologie.)
Der Ort ist etwas nüchtern, die eine braune Holzwand erinnert an ein besseres Schwimmbad oder eine Sporthalle, ansonsten viel Glas, von dem man aber wenig hatte an diesem Abend, da wegen der Hitze die Jalousien herunter gelassen wurden. Also alles etwas nüchtern, das Personal trug weiße »Turnschuhe«, und stand da manchen jüngeren Gästen in nichts nach. Auch wenn das gehobene Bürgertum unter sich ist, das garantieren die Preise, performt es relativ frei, aber einige wenige wollen noch etwas Eleganz in diese Zeit retten. Freilich ist es mit der Mode wie mit dem Finanzkapital, das jede Bodenhaftung verlor und wie die Deckendekoration in luftiger Höhe schon ihr Ende vorweg nimmt: Geplatzte und angekokelte Luftballons bzw. blaue und andersfarbige Müllsäcke, die unter der Decke schweben, wie kurz nach ihrer Entzündung, bevor sie dann abstürzen. Was will uns das sagen? (Man kann einen Rundgang durchs Haus buchen, die Kunst bewundern und selbstverständlich erwerben.*)
Diese seltsame Art der Deko findet man auch im hauseigenen Schwimmbad, wo freilich trotz guter Belegung des Hauses gähnende Leere herrscht. 28 Grad und die Anmutung zum Schwimmen überfordern wohl schon die eine und den anderen, beliebter ist der Außenpool mit einer leicht entzündlichen Körper- bzw. Wassertemperatur (38 Grad, wenn ich mich richtig erinnere.)
Im Hotelzimmer erwartet uns ein warmer Prosecco, der über den etwas störenden Baulärm hinwegtrösten soll, hier wird immer wieder umgebaut, teils notgedrungen, teils weil wieder was noch besser gemacht werden soll. Wen das interessiert, der darf mit einem Mitglied der Geschäftsleitung eine Baustellentour machen, wo alles erklärt wird, nachdem es vorher für die Stimmung eine gratis Erfrischung gibt. Wofür die Geschäftsleitung nichts kann, ist nicht nur die Garderobe der jungen Business-Männer im Spitzenlokal, sondern auch, wenn eine junge Mutter ihr Kind (ca. 4 J.) mitbringt, das, wie heute üblich, mit ein Tablet bewaffnet ist, das laute Töne von sich gibt, sehr störend, die Umgebung nervt, aber niemand traut sich mehr, was zu sagen! Trifft sich hier das neudeutsch sogen. »Bückbürgertum«? (Wobei es vielleicht besser ist, dieses tut nichts, als dass es zu den Erziehungsmethoden zurückkehrt, die wir noch genießen durften, und die eine ganze Generation von Analytikern und Psychologen reich machte. Vielleicht aber auch die Voraussetzung für die neue Kriegsbereitschaft bildet?
Zurück zu meinem Prosecco. Dabei liegt ein Zettel, auf dem das Angebot zu lesen ist, dass dieser gerne gegen einen gekühlten ausgetauscht werden kann. Warum, frage ich mich, gibt es hier doch einen Kühlschrank. Ich inspiziere diesen, er ist voll, ich räume etwas heraus, um Platz für meine Flasche zu schaffen. Erst danach, ein häufiger Fehler, lese ich das Kleingedruckte, von dem es im Kühlschrank wimmelt. Jede Flasche ist mit einer elektronischen Überwachungssoftware verbunden, die jede Entnahme sofort an die Buchungsabteilung sendet, und der Preis wird automatisch zur Zimmerrechnung addiert. Oh je, was habe ich angerichtet? Es bleibt mir nichts anderes übrig als die Rezeption anzurufen, vorher räume ich die Getränke wieder ein, und zu bitten, die Abbuchung zu stornieren; wer will diese kleinen Schnäpse etc. schon trinken? (Ansonsten war kein oder nur wenig Platz in diesem Kühlschrank! Der Kühlschrank macht wohl nach, was die anderen Geräte auch schon machen?)
Jetzt zurück in die Schwarzwaldstube. 5 Gänge gebucht, 8 erhalten, das geht, keineswegs wie bei der lokalen Konkurrenz, es gibt hier mehrere Gourmetstuben, mit Schokolade vollgestopft, auch das Fleisch schmeckt nicht wurstig, eine völlig unverständliche Entwicklung. Was hier zusammengestellt wurde, die Situation auf dem Teller!, passt, und man erkennt noch meistens, woher die Sachen stammen. Auch das ist eine unselige Tendenz, dass da etwas zusammengerührt, gemixt, gelegt, gekocht usw. wird, dass man nicht mehr weiß, was man gerade isst. Völlig losgelöst?
Nun, ich glaube, sie haben bei Bewertungen die höchste Punktzahl, die ich nicht vergeben hätte. Zum einem hab ich schon bessere Brötchen gegessen, die waren beim Frühstück sogar etwas dätschig, zum anderen war eine, wenn auch leise, Bumm-Bumm-Musik nicht zu überhören. Wer für diese Auswahl zuständig sein mag, vermutlich der Praktikant?
Der Küchenchef macht auch die Runde, das muss man in Kauf nehmen, und mir tun diese leitenden Angestellten leid, weil sie nun auch noch in Smalltalk machen müssen. Wir machen das aber immer kurz und schmerzlos! Das ist nun keine Arroganz, aber muss man beim Essen immer übers Essen reden, sind wir alle Hobbyköche auf der Suche nach dem(!) Rezept?
In dieser Preisklasse erübrigt sich die Frage, ob man einen Besuch dieses Ortes empfehlen kann. Der Distinktionsgewinn zählt, und natürlich wird hier, erfreulicherweise nicht ganz modisch, auf höchstem Niveau gekocht. Wobei im »normalen« Lokal einen Abend später, man konnte von einem zum anderen sehen und umgekehrt, mundeten mir meine Linguine mit Salsiccia ausgezeichnet, aber eben ohne Show. Übrigens war auch die Weinauswahl mir hier sympathischer, wir fanden einen ausgezeichneten aus dem Friaul. Und wenn man immer mit Champagner starten muss, als gebe es keinen anderen Sekt, und keinen besseren!, dann ist das eine Erinnerung, ein Klischee, wo man es doch besser wissen müsste. Ein bisschen Ressentiment muss eben sein.
Kürzlich sah ich einen Film aus einem Land mit Hunger, da stürmten ein paar Männer, die, freilich geschwächt vom Hunger, eine Party mit Luxus (Essen etc.), und wurden vom Personal hinaus geprügelt. Die Gefahr besteht hier im Schwarzwald nicht, und wenn das Personal mit seinen weißen »Turnschuhen« und einer überraschend guten Laune, von morgens bis abends, hoffentlich mehr verdient als man ansonsten befürchten muss, dann war das alles nicht umsonst.
* Lifschitz, Michail: Krise des Häßlichen. Vom Kubismus zur Pop Art. VEB Verlag der Kunst. 2. Aufl. 1972