In »Theater heute« 11/25 kann man einen neuen Tiefpunkt in der Verteidigung der bürgerlichen Kultur erleben und erleiden. Erleiden deswegen, weil im Mittelpunkt eines Essays das »Zwiebelmodell« steht, das einem tatsächlich die Tränen in die Augen treibt. Selbstverständlich konkurrieren hier bedeutende Autoren um die Deutungshoheit, weswegen auch vor der »Entweder-oder-Logik« nicht halt gemacht wird, ein Zwischenstopp könnten die »Mehr-oder-Weniger« Konflikte sein, die freilich keinen Bogen, denn es geht »ums Ganze«!, um das »Konzept der Bedrohungsallianzen mit dem konzentrischen Eskalationskontinuum« (wir verzichten auf die Literaturangabe) machen, um beim, wir sind schließlich im soziologischen Spielmarkenmodel (von mir!), »autoritären Nationalradikalismus« zu landen.
Das Wort radikal, wer benutzt schon Wörterbücher, wird ungefähr im Sinne meiner Mutter verwendet, die mich damit vor allerhand schlimmen Gefahren (damals die Jusos) warnen wollte.
Der Text beginnt mit einer Zumutung: »Kultur als Kampfzone autoritärer Identitätsbildung«. Unter der fetten Überschrift der auch hier missbrauchte Gramsci, vor dem gewarnt wird, weil seine Strategien von Rechts missbraucht werden. Nun, als erstes ist festzustellen, dass den Klassenkampf nicht Gramsci erfunden hat, auch den Kulturkampf nicht, nur haben ihn, d.h. Gramsci, weder die Autoren dieses Essays noch die Rechten studiert. Man kokettiert hier mit seinem Bild, um der marxschen Theorie, bzw. deren Weiterentwicklung, noch was in die Schuhe zu schieben. Als wenn es keine rechten Ideologen gäbe, die als bessere Vorbilder taugen würden?! Schlimm ist hier, was man Gramsci antut – nämlich nichts. Schlimmer noch ist, wie man mit der Kritik der AfD umgeht: Mit leeren Behauptungen von der Freiheit der Kultur – im Spätkapitalismus möchte man anfügen, Kritische Theorie ist hier gar nichts – das ist mit dem Bundesverfassungsgericht als Hüterin der Kunstfreiheit in Verbindung bis zu den kommunalen Parlamenten eine schon beeindruckende Blindheit/Leerstelle. Wer von einer »behaupteten[!) Cancel-Culture« spricht, darf weiter schlafen. Umgekehrt, während die Kulturkämpfe »sich auf die Ebene des kompromissresistenten ‚Ganzen‛ hochzonen lassen« wollen unsere demokratischen Helden (Günter Frankenberg, Wilhelm Heitmeyer u. Marion Tiedtke) des Kulturkampfes das Gegenteil, sie verteilen Palliative, dass alles so weiter geht, damit sie Einkommen und Auskommen behalten; denn diese sind bedroht.
Da streiten sich zwei Fraktionen der bürgerlichen (herrschenden) Klasse um die Pfründe, eine mehr globalistisch (kosmopolitisch) ausgerichtete Klassenfraktion mit ihrer (repressiven) Toleranz gegen die nationalistische. Worin aber unterscheidet sich die Aufrüstung und das Kriegsgeschrei der Parteien der sogen. Mitte von der der AfD? Der Kanzler arbeitet(e) für BlackRock, die AfD eher für das nationale Kapital, bzw. hat andere Überwältigungsstrategien für die Massen, imperialistisch sind beide. Und beide gehören zusammen, wie die CDU und der Stahlhelmflügel der CSU (z.B.), und wir sollen hier für die eine Seite die Fußtruppen abgeben?
Selbstverständlich ist die bürgerliche Demokratie besser als eine autoritäre oder faschistische Gesellschaft, nur was die Autoren verschweigen, dazu müsste man etwas tiefer gehen (radikal sein), ist, die schon von der Kritischen Theorie festgestellte Tendenz der bürgerlichen Gesellschaft ins Autoritäre. Schröders Umbau des Sozialstaates, die vielen Polizeigesetze, der Überwachungs– bzw. Digitalisierungsstaat usw., das alles verdanken wir nicht der AfD, auch nicht den Zerfall der Infrastruktur (Post, Bahn, Wohnungsnot usw.), sondern …
Manche, ich nicht, sehen im Arbeitslosenproblem eine Hauptursache des Faschismus. Was ich hier aber sehe: »Unerträglich erscheint mir nur das Vorgehen, diese Bereiche [Soziologie, Psychologie] von der dialektischen Theorie abzulösen in dem Wahn, man könne Experte für alle möglichen Grundfragen des menschlichen Lebens sein, obwohl man von allen anderen keinen Dunst, nicht die geringste Ahnung hat.« (Max Horkheimer).
Im Übrigen schlage ich vor, man studiere einmal den Umgang z.B. Adornos mit Oswald Spengler oder Friedrich Nietzsche; d.h. in der Sache sein, als weit ab sein Fähnchen in den warmen Wind zu hängen.
Keine »letzte Frage« scheint mir zu sein, dass mit diesen Theoretikern der Untergang der bürgerlichen Welt gewiss ist.
PS: Hier nichts über »Identität«, ich sehe keine.