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Marxismus

Neustart: Zu Lukas Meisner: Konturen eines Triptychons

Das Argument. Zeitschrift für Philosophie und Sozialwissenschaften (1/26) hat einen neuen Herausgeber: Lukas Meisner. Der stellt sich vor, ich stelle ihn (vor)

Herr Meisner hat seine größten Schuhe angezogen, um in die Fußstapfen seinen Meisters W.F. Haug zu treten, um in den Kämpfen seiner Zeit das Denken zu beherzen. Dies hat er mit der geballten Kraft seines Zettelkastens bzw. dessen elektronischer Nachfolge, die einer KI würdig wäre, unternommen, um den Kollektivsingular Marxismus, sozusagen der Nachfahre des pluralen Marxismus, auf Vordermann bzw. aufs Triptychon zu bringen.

Bevor es richtig losgeht, zeigt er aber seinen Humor mit Frigga Haug: »Auch Emanzipation braucht Allgemeinheit«. Aber er ist kein eingeschüchterter David, der hypnotisiert auf Goliath starrt, sondern eine «materiale Nichtidentität«, die gegen »die Identifizierung mit dem System der Realabstraktion« ein »Quell der Widerständigkeit jenseits der Integration« bildet, dabei mit Marcuse vulnerabel und interdependent; es treibt ihn zu Solidarität und gegenseitiger Hilfe!Auch wir helfen gerne durch das Kleingedruckte und die hoch auftürmenden Seiten »ohne unnötig verkomplizierende Diagnose«. Zweites Beispiel für Meisters 2.o Humor. (Von n zu t ist es auch nicht so weit.)

Dafür ist aber »das befreiende Möglichkeitsfenster zu öffnen«, damit, die Philosophie der Praxis, d.h. Gramsci wird nicht vergessen!, »um Willen neuer Verhältnisse« frische Luft herein komme. Also kein Ende der Entfremdung sondern neu hinzu kommend oder auch nicht, sehen wir auf dem dreigeteilten Bild Ideologiekritik, Gegenhegemonie und Politstrategie.- Geht es nur mir so, dass ich bei »Politstrategie« ans Politbüro denken muss, dem freilich bei dieser Gegenhegemonie Angst und Bange würde?

Aber da es im Argument auch um Kultur geht, denken wir an Richard Strauss’ Salome, aber hier geht es trotz der Frauenredaktion darum, der »verherrschaftlichten Vergesellschaftung« ihren – nun zählen wir Salomes Schleier – »essentialisierden, ontologisierenden, necessietierenden [usw.] Schleier zu entreißen. Das »[usw.]« an entscheidender Stelle wird aber im Folgenden mehr als wettgemacht.

Der, wir dachten uns das schon, »hegemoniale Konsens ist oftmals nicht rational, sondern ideologisch«, aber, und das gefällt uns nicht, folgt nun ein »Andererseits…« Und obwohl die kritische Theorie in den Zitatenkanon aufgenommen wurde, was ihr nicht immer gut bekommt, muss die gegenhegemoniale Tradition ab jetzt positive Gründe aufweisen und, noch kritischer, alternative Projekte, wie uns vermutlich gerade eines vorliegt. Man kann eben nicht bei Adorno stehen bleiben, es muss weiter gehen mit der »Konstruktivität des Kompromisses in realpolitischen Situationen«. Nochmal: es ist »der politischen Raum jenseits des Bestehende zu öffnen.« Sagen wir mal von außen das Fenster von innen zu öffnen und zwar politstrategisch mit Lenin und Luxemburg!

Nun folgt mein »antizipatorisches transzendieren«, ich rümpfe nur die Nase über den Frankfurter »negativistischen Defätismus«, obwohl der mir gerade in Vorkriegszeiten schon genug wäre, wende mein Gesicht ab von der»offenen Wahlverwandtschaft zur liberalen Totalitarismusthese« und bin ganz brav, denn ich möchte dem Schicksal Althussers in Fußnote 24, dem die Instrumente gezeigt werden, entgehen. Denn wie steht es um für das Argument zentrale Begriffe wie »Entfremdung, Verdinglichung oder Totalität« bei Althusser?! Vom kommenden Standpunkt des Arguments aus hat sich hier Althusser falsch entschieden, und wir senden diese Botschaft in die Hölle, weil er eine Scharnierfunktion zum Postmodernismus übernahm; ich übergehe die kleingedruckten Details, da das happy end doch noch kommt, da Althusser seinen Status(!) als Marxist, ich sage mal: vorläufig, nicht verliert!
Der Kollektivsingular Marxismus war eben schon immer ein pluraler! Faktisch! Faktisch?

Unser neuer Meister erklimmt neue Höhen, denn Marx und sein »Marxismus« sind doch etwas überholt und erweitert ihn um: feministisch (jeder Frau ihr eigenes Wörterbuch), antikolonial und ökologisch. Nur der Klippschüler in mir meldet hier noch queer an, aber das wurde zum Glück vergessen. Egal, die »Kanonisierung« sollte keine heiligen Schriften erzeugen, da doch die Frankfurter Schule etwas das eindimensionale Denken »tradierte«. Also in Zukunft gibt es mehr Kommunismus, denn der Zynismus ist doch die größte Gefahr für einen »Optimismus der Vernunft«.

Wem das zu viel Philosophie ist, ich habe Bloch, Benjamin und andere übersprungen, der sei getröstet, auch in Zukunft gibt es im Argument Literatur, um »wenigstens dem Vorschein« nach die Entzweiung von Hirn und Herz u.a. zu überwinden. Dazu wird auch Sinn und Form zum Erbe erklärt. Denn, nicht zu vergessen, die kapitalistische Totalität, die sich noch in »den letzten Kapillaren der bürgerlichen Gesellschaft eingenistet hat«, wird mit dem Realismus »provinzialisiert«, weil durchschaut, ihr Sein als Schein »entpuppt«. (Gibt es dafür einen Schein?)

Lassen wir mal die »versprechende Leerstelle«, gegen diedie Eule der Minerva geflogen ist, weil sie derenblinden Fleck übersah, beiseite, dennauch in Zukunft werden mittels der Besprechungen »dessen [Querschnitt der Gegenwart] eigene Widersprüchlichkeit und das in ihm verborgene transzendierende Potenzial zu exkavieren« sein.

Exkavieren hat zwei Bedeutungen, deren erste fast jeder schmerzlich schon erfahren durfte: kariöses Zahnbein mit dem Exkavator entfernen oder eben: ausschachten, ausbaggern. Mir ist unklar, welche gemeint sein könnte?! Das wird aber deren Lektüre zweifelsfrei erweisen!

Ach was, was gibt es für ein besseres Motto, einen besseren Einstand als diesen: »… und das Denken zu beherzen.« Darauf freue ich mich.

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