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Roman

Empfehlung für London-Reisende


oder solche, die sich für die Entwicklung der Insel interessieren

»Klassenzugehörigkeit, um etwas anderes geht es nie. In den Knast gehen immer nur die anderen.«


Es gibt ihn noch den großen realistischen Roman: spannend und belehrend, geistreich und berührend. Und er spielt nicht im Russland der (vor/vor-)letzten Jahrhunderte, auch wenn hier einige (reiche) Russen eine zentrale Rolle spielen. Aber auch die bürgerliche Demokratie, Ober-, Mittel- und Unterschicht, Kunst und Kultur werden zu einem Gesellschaftspanorama verwoben. Natürlich braucht es dafür 782 Seiten, keine ist zu viel. Der Roman spielt in der jüngeren Vergangenheit besser noch Gegenwart, er endet mit dem Ende der Corona-Maßnahmen. Wer also kein Sachbuch lesen will, der wird über den Zustand der britischen Gesellschaft hier bestens bedient.


Andrew O’Hagan: Caledonian Road. Roman, 782 S. Berlin 2024


Viele unsere »Diskussionen« sind dort Thema und werden von den Protagonisten des Romans auf den Punkt gebracht:


»Dieses Getränk [Coca-Cola] dort zum Beispiel. Die Hersteller sind mitverantwortlich für eine starke Zunahme von Diabetes unter Schwarzen Amerikanern, und sie tun nichts dagegen. Aber sie geben ein paar Millionen von ihren gewaltigen Profiten für ‚Diversitätsbeauftragte‛ aus, um aller Welt zu zeigen, was für großartige Menschen sie sind. Sie polieren ihre Image damit auf. Sie schärfen Angestellten ein, dass sie ‚weniger weiß‛ sein sollen, sie machen sich die neuen Weisheiten ‚zu eigen‛, aber sie denken nicht daran, ihr Produkt zu ändern oder ihre Arbeitsbedingungen. Sie drehen einen Werbespot mit einem Schwarzen Schauspieler und nennen das eine Revolution. So geht die Geschäftswelt mit einer schwerwiegenden moralischen Frage um – indem sie dieser ins Gesicht spuckt.«


Zur sachlichen Ergänzung empfehle ich:

Bullough, Oliver: Der Welt zu Diensten. Wie Großbritannien zum Butler von Oligarchen, Kleptokraten und Verbrechern wurde. München 2023

»Großbritannien stellt nicht nur keine Untersuchungen gegen die Gauner an, es hilft ihnen sogar. Vor allem bewegt und investiert das Land das Geld dieser Gauner natürlich, aber das ist nicht nur der Anfang: Großbritannien bildet ihre Kinder aus, kümmert sich um ihre Rechtsstreitigkeiten, erleichtert ihnen den Eintritt in die High Society der Welt, verbirgt ihre Verbrechen und vermeidet grundsätzlich, dass sie die Konsequenzen ihres Handelns tragen müssen.«

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