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Gastronomie

Besuch im Cheval Blanc, Basel, Anfang März 2026

Im Zug zurück lernten wir einen älteren Herrn kennen, der sich als großer Kenner der Gourmet-Küche heraus stellte, und schon öfters z.B. in Baiersbronn, Traube Tonbach, d.h. der Schwarzwaldstuben war. Als konservativer Herr betrachtete er diese Besuche als Feier, zu der man sich entsprechend anzuziehen habe. Das gelang nicht immer und allen, auch wenn er bei seinem Wunsch auf Unterstützung des leitenden Personals hoffen dufte. (Das wäre ein weites Feld: Feier und/oder Form?)

Auch im Cheval Blanc, das sich zu den 100 besten Restaurantszählt, vielleicht besser: der westlich wertenden und publizierendenWelt, wird auf Form wert gelegt!

Der Raum ist mir Kerzenlicht erfüllt, das auch für die Temperatur zuständig ist, zum Glück war es in demRaum keineswegs überhitzt, eher beherrscht kühl. Aber zuerst nimmt man ein Glas Champagner an der Bar, hört den Mann am Klavier; leider gibt es weder Prosecco noch Crémant, dafür jede Menge Champagner. Die Weinkarte hat circa 12 Seiten mit diesem etwas überschätzten Getränk. Aber wir bewegen uns in einer Region, die außerhalb desin der Mittelschicht so beliebten Preis-Leistung-Verhältnisses liegt. ZuBeginn sind wohl mehr männliche Kellner, keine Frauen, anwesend denn Gäste in dem Raum mit ca. 10 Tischen. Für sie gilt der Dresscode allemal.

Wir werden mit sanfter Mühe überredet, das Menü zu nehmen und nicht a la carte zu wählen. Die Weinauswahl entpuppt sich als schwierig, aber der Sommelier findet uns bald und entdeckt uns als originelle Gäste, die zweifellos so einen Wein trinken möchten. Recht hat er und eine gute Empfehlung gegeben.

Ich sage nun nicht, denn das wäre ungerecht, dass das Beste die Spitzwecken waren, alle Gänge waren zufriedenstellend, vielleicht bis auf einen. Danach moniert die Dame zurecht, dass die Spannbreite der Konsistenz bei einer bestimmten (weit verbreiteten) Gourmetküche zwischen »breiig« und knackig (z.B. Nussfragmente oder Fischschuppen) changiert. Das Fleisch, darf man beklagen, wird so lange behandelt, dass es eher »wurstig« wird; ob sich die dafür notwendige Mühe lohnt? Wir meinen nein, das ist eher bedauerlich.

Nimmt man irgendeinen Gruß aus der Küche oder auch der offiziellen Vorspeise, so dauert die Erklärung des Kellners, was man da vor sich sieht, mitunter länger als die Konsumption desselben…

Während die Bourgeoisie sonst die körperliche Arbeit gering schätzt, und meint, der Gewinn entspringe aus den Halunkereien des Vorstands, und die Banker für die Meister aller K(l)assen hält, wobei die doch nur die Spinnen im Netz sind, ist es in der Küche so, je mehr hier verarbeitet wird, die Arbeit die Form verwandelt, desto besser. Natürlich ist das ein Mythos, denauch die Chefköche offline und online bedienen, steigt doch dadurch der Wert ihrer Arbeit. Freilich, ob es dem Gegenstand ihre Liebe immer angemessen ist, steht dahin. Aber man geht ja nicht in so ein Lokal, um das zu genießen, was man schon kennt, ähnlich wie bei der Musik und im Theater? Falsch, hier gerät die Ähnlichkeit aufs Glatteis, da es keine Kochkunst geben kann wie in der Ästhetik als sinnliche Erscheinung der … Wahrheit. Hier haben wir die versteckte Wahrheit dieser Gesellschaftsform: Die Produktion bestimmt die Konsumtion und nicht umgekehrt, wie es die Kleinbürger in ihrem Größenwahn meinen!

Positiv ist zu vermerken, dass man nicht zu voll gestopft wird, das haben wir auch schon anders erlebt z.B. im Bareiss mit Schokolade.

Ein echt ausgezeichneter Abschluss für die Dame war der empfohlene Schnaps, wir haben mit Lehen die Debatte begonnen, was es nicht gab, wurden aber sanft in die richtige Richtung geführt.

Ich bin versucht, nochmals auf meine Spitzwecken zu kommen, aber das geht natürlich nicht!

Übrigens gab es in dem Hotel, in dem das Restaurant sich befindet, auch mal einen Ballsaal, der fiel leider der Renovierung zum Opfer und sieht jetzt aus und tönt, dass es einem leid tut. Ballkultur ade.


Siehe: https://www.chevalblancbasel.com/de/

PS:
»1760 erhoben sich die Sklaven zum bedeutendsten Aufstand auf Jamaika, ‚Tracky‛s Revolt’, was als Gegenreaktion noch mehr grausame Gewalt im Namen der Unterdrückten hervorrief. Einige Rebellen wurden ‚nach und nach mit schwachem Feuer verbrannt‛ oder ‚auf öffentlichen Plätzen aufgehängt und dem Hungertod überlassen‛. Diese Barbarei war konstitutiv für das, was ‚Zivilisation‛ genannt wurde.« Sven Beckert: Kapitalismus: Geschichte einer Weltrevolution. Hamburg 2025

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