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Operette

Die Fledermaus


an der Deutschen Oper Berlin

Aus der Unterschicht:

Ach, wenn ich jenes Täubchen wär‘,
Fliegen könnte hin und her,
Mich in Wonne und Vergnügen
In dem blauen Äther wiegen!
Ach, warum schufst du, Natur,
Mich zur Kammerjungfer nur?

Anwort aus der Oberschicht:

Trinke, Liebchen, trinke schnell,
Trinken macht die Augen hell.
Sind die schönen Äuglein klar,
Siehst du alles licht und wahr.
Siehst, wie heisse Lieb‘ ein Traum,
Der uns äffet sehr,
Siehst, wie ew’ge Treue Schaum –
So was gibt’s nicht mehr!
Flieht auch manche Illusion,
Die dir einst dein Herz erfreut,
Gibt der Wein dir Tröstung schon
Durch Vergessenheit.
Glücklich ist, wer vergisst,
Was doch nicht zu ändern ist!
Sing, sing, sing, trink mit mir,
Sing mit mir – Lalalala!

Komische Oper in drei Akten. Nun, die komische Oper wird immer weniger komisch mit jedem Akt. Während der erste Akt durchaus konventionell gespielt und gesungen wird mit jenen Verwechslungen, die einen seltsamerweise immer wieder erheitern, steigt schon der zweite Akt in eine fiktive Unterwelt des exzessiven Feierns und Saufens, die an die Sowjetunion erinnert und für das Berliner Publikum wohl die Hölle vorstellen soll, in der, wie wir wissen, es freilich heiß hergeht. Am »komischsten« ist dann der dritte Akt, der an die Sciencefiction-Vorstellungen längst vergangener Zeiten erinnert, als irgendwelche Blechkameraden in abstrusen Kostümen eine Zukunft vorstellen, in der gefoltert wird, als wären wir bei der CIA oder a.a.O. Gesungen wird freilich trotzdem.

Der Regisseur Rolando Villazón hat erfolgreich das Stück auf den Mond geschossen. Die »Komik« wird mit jedem Akt äußerlicher, alberner, die Sozialkritik, wenn es denn welche gibt, und das könnte man schon vermuten, auch wenn alles am Ende beim Alten bleibt, externalisiert. Dafür gibt es eine Figur, die nun überhaupt nicht in die Operette gehört, links am Bühnenrand sitzt ein Obdachloser. Dazu wäre in einer Gesellschaft, die die Kosten der Aufrüstung (siehe zweiter Akt) zum einen in die Zukunft (nach dem Untergang, dritter Akt) verschiebt, und zweitens der Mittelschicht, der Arbeiterklasse und den Armen aufbürdet, viel zu schreiben. So stellt man sich die Armen in Gestalt eines Obdachlosen idealerweise vor, der sitzt da, wartet auf ein Almosen, das er auch ab und an bekommt, und das war’s. Was hat das mit dem Stück zu tun? Nichts!

Es scheint so, dass die Bourgeoisie auch mit dem Esprit, der geistreichen Unterhaltung, Schluss gemacht hat, in keiner Talk-Show und Bühnenshow (Parlament) erleben wir das mehr; der ohnehin eher kümmerliche Esprit ist vollends vertrocknet, was man an Studienabbrechern, den missglückten Doktorarbeiten wie überhaupt an der zweifelhaften Berufswahl erkennen kann und was man leider auch an ihrem und unserem Publikum diagnostizieren muss, das auch hier applaudiert, als sei es eben dem sowjetischen (russischen) Kerker entkommen und nun dankbar, das es schon im geheizten Gebäude sitzen darf, in Berlin keine Selbstverständlichkeit.

Die Musik wird mit jener technisches Präzision gespielt, die man als seelenlos bezeichnen könnte, das Wienerische wird vermisst und das Verschleifen der Musik bzw. der Zeit (rubati) entbehrt. Wer keine Zeit mehr hat, hält sich sklavisch an die verbleibende.

Aber der Besuch lohnt sich dennoch, der Pausenservice ist einer der besten, den ich in letzter Zeit erlebt habe, im Gegensatz zu Berliner Ensemble oder Stuttgarter Oper. Auch ist der Späteinlass auf Klingelzeichen zu begrüßen, wobei die zu spät Gekommenen das Bessere am Anfang versäumten. Von der Leichtigkeit und dem Optimismus des 19. Jahrhunderts ist nichts geblieben, wir sehen hier ein Möbelstück aus dem Biedermeier (Achtung Zeiteinteilung), das leider bei der Renovierung in die Brüche ging. Andere Zeiten fordern andere Stücke, alles andere ist Zeit (und Stück) totschlagen.

PS: Es gibt noch mehr kulturelle Aufladung in dem Stück: ein musikalisches Zitat von Richard Strauss aus 2001: Odyssee im Weltraum. Immer wieder, während des ganzen Stückes, laufen ein Affe, ein Neandertaler und ein etwas weiter entwickelter Mensch mit Speer über die Bühne. Die einzige Frage hierzu: ist das die Vorgeschichte, die Nachgeschichte oder Zeitgeschichte? Vermutlich Zeitgeschichte: das Nebeneinander von Affe, Neandertaler und einem mit Speer.

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