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Peter Weiss: Die Ermittlung: Staatstheater Stuttgart

»Die Gründe des Rassenhasses werden von den Opinionsmachern immer wieder verdunkelt und in dieser Verdunkelung angefacht, um davon abzulenken, daß es sich um einen ökonomischen Kampf handelt. Es klingt besser, von mystischen Kräften zu sprechen, als davon, daß es um den krassen Gewinn geht. Die Gewinne des faschistischen deutschen Staates betrugen Multi-Milliarden nach der Enteignung des jüdischen Besitzes. Die Großunternehmen gewannen am meisten. Und sie gewannen weiter, als ihnen nach Ausbruch des Krieges Sklavenarbeiter aus allen Teilen Europas zur Verfügung gestellt wurden.«

Das Stuttgarter Theater nimmt sich ein heißes Eisen vor, das freilich deutlich abgekühlt ist, aber durch die neu entdeckte Staatsräson wieder erhitzt, besser funktionalisiert werden kann: Der Frankfurter Auschwitz-Prozess, maßgeblich durch den hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer ermöglicht, der es in Stuttgart nicht zu Ehrenwürde bringen darf.

In Auschwitz, das sei zur Erinnerung gesagt, saßen Sozialdemokraten, Juden, Kommunisten, Kriegsgefangene (Russen! u.a.) und viele andere sogen. Opfergruppen ein.- Ich betone, und das gehört zur Dramaturgie der Neuinszenierung, ein Stück hat seine Zeit und es ändert sich und seine »Botschaft« mit der Zeit, v.a. wenn der Autor dazu nichts mehr beitragen kann.

Wird das Stück heute im Landgericht in Stuttgart aufgeführt – was soll man davon halten? Ist das dann ein Ausflug wie wenn einen eine Oper zum Killesberg führt oder hat das eine Beziehung zu dem Ort – und welche? Will uns der Herr Kosminski auf die Kontinuität der Justiz nach ‛45 aufmerksam machen, als viele Richter und Staatsanwälte blitzschnell umgelernt haben und weiter machen durften? Oder will er das Landgericht als Ort der Aufarbeitung der Vergangenheit ein bisschen weißwaschen? Was hätte ein Fritz Bauer zu diesem Ort sagen können?

Nach dem Stück war Stille, kein Applaus, was die Problematik dieser Inszenierung angeht: mehr Geschichtsstunde als Theaterstück, auch wenn dessen Inhalt ein dokumentarischer ist, ist er doch gestaltet! Und man hätte diese Wirkung deutlich erhöhen können, und wäre der Wahrheit der »Aufarbeitung« etwas näher gekommen, wenn man anstatt der Schreibmaschinen in den zwei Video-Leinwänden wenigstens am Ende, wie in entsprechenden Filmen, z.B. das weitere Leben der Angeklagten beschrieben hätte. Man hätte auch an Kaduks Auslassung, einer der Angeklagten, erinnern können: „Wenn ich an Herrn Staatssekretär Globke denke, frage ich mich, warum wird mit zweifachem Maß gemessen.“ Das klingt im Stück an, aber hören wir das auch?!

Das Messen mit zweierlei Maß klingt im staatlich verordneten Anti-Antisemitismus wieder an, wo die Welt nun Kopf steht, und die Partei, die die meisten Nazis »reintegriert« hat, nun ihre Liebe zu Israel als Staatsdoktrin polizeistaatlich und juristisch durchsetzt. Der Dialektik dieses Wandels (und Kontinuität) stellt sich der Intendant nicht, er trägt dazu bei, sein Theater systemrelevant zu machen, denn die nächste Krise kommt bestimmt.

»Sie [die Organisatoren, die Befehlserteiler des Massenmords] können auch heute noch glauben, daß sie das Richtige taten, weil die Gesellschaftsordnung, unter der sie leben, sich nicht grundsätzlich geändert hat. Zwar kann man ihnen nicht den Antisemitismus vorwerfen, doch der Kreuzzug gegen den Kommunismus besteht weiter.«

Zitate aus:
Peter Weiss: Die Ermittlung. Oratorium in 11 Gesängen. Mit einem Kommentar von Marita Meyer. Frankfurt/M 2005

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Den mittleren Teil dieses Textes habe ich als Feedback beim Staatstheater eingereicht. Leider ohne Erfolg. So ist eben die »Kultur« dort.

https://www.schauspiel-stuttgart.de/dialog/feedback

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