Wenn etwas »Nach…« ist, muss es nicht in der Nähe des Vorbildes sein, es kann sich auch weit weg davon bewegen und z.B. nur ein, zwei »Ideen« des Buches von Oscar Wilde aufgreifen und etwas drücken. Sowieso gibt es aus Gründen der Ästhetik keine Möglichkeit ein Buch auf den Theaterboden zu bringen, das geht für den, der das Buch schon gelesen hat, immer schief. Und für die anderen, die können sich dann das Buch sparen, ähnlich wie beim Film, weil sie glauben, die Story ja schon zu kennen (Sozialprestige billig.)
Pretty Privilege bemüht sich um Aktualität und ein bisschen kritische Sicht auf den Schönheitskult und die Möglichkeiten, wir sind schon im Science Fiction, die die sogen. KI, die die menschliche Dummheit ersetzten soll, bietet.
Immerhin, der Held des Stückes, unser Dorian, trägt, wenn ich das richtig gesehen habe, eine Unterhose der Marke Schiesser, einer Firma, die inzwischen einer israelischen gehört. Ob das von irgendeiner Bedeutung, ein heimliches Bekenntnis ist, keine Ahnung? Übrigens ist es auch sonst nicht immer leicht der »Handlung« zu folgen.
Schlecht fürs Theater, das damit sein Ende einläutet bzw. ausleuchtet, die Hälfte des Stückes spielt im virtuellen Raum (Video). Ob das sachlich begründet ist, wie die Dame meinte, wage ich zu bezweifeln.-
Die Kostüme sind, wie häufig v.a. albern, sollen wohl eine nahe Zukunft uns näher bringen, wobei der Protagonist des Stückes, wie geschrieben, mit seiner weißen Unterhose auskommt. Ansonsten trägt der Schauspieler eine zweite Haut, die ihn aussehen lässt, ich vermeide Anspielungen auf lebende Menschen, als würde er seine ganze Zeit im Fitnessstudio verbringen. Zumindest werden, wie bei einigen Mensch schon heute, seine Vitalwerte ständig überwacht.
Das Stück hat leider keine Pause, dafür einige Längen, damit es auf seine 1:50 kommt. Es gibt parodistische Elemente bzw. Ausschnitte aus zukünftigen „Wahlveranstaltungen“, in der das Thema Gesundheitsverhalten »diskutiert« wird. Wobei wir da vielleicht schon weiter als das Stück sind, oder kurz davor.
Was unterbelichtet ist, oder nur einmal gegenüber gestellt, ist das schwierige Leben der Armen gegen das entfremdete Leben der Superreichen, die sich anschicken, in virtuelle Räume auszuwandern oder sie gänzlich zu erobern. (Hoffentlich zieht dann mal jemand den Stecker!).
Vorher planen aber die Parteien, wir sind jetzt im wirklichen Leben, für die überflüssige Masse den schönen Tod auf ihren Schlachtfeldern; schon sind wir wieder bei der Unterhose. Aber so kritisch ist das Stück nicht, es überfordern die Menschen nicht, sondern macht Zuschauern klar, dass sie es in ihren wirklichen Leben so schlecht nicht haben. Und schließlich gehen sie ins Theater, komme (in Stuttgart) was das wolle, und schauen nicht nur TV bis sie so weit sind wie jene, die in Stuttgart am Tag nach der Vorstellung durch die Straßen ziehen, die U-Bahnen verstopfen, Polizei anziehen und einem das Gefühl geben, dass die Aufklärung gescheitert ist, von der bürgerlichen Kultur ganz zu schweigen. (Fußball!)
Es gibt die Geschichte der Kunst und Schönheit, aber es gibt auch »eine andere, ebenso wichtige Geschichte über umfangreiche Enteignungen, riesige Mobilisierungen von Zwangsarbeitern, Brutalität in Fabriken und auf Plantagen, heftige Zerstörungen nicht kapitalistischer Volkswirtschaften und massive Rohstoffgewinnung zum privaten Vorteil.«* Die Entwicklung Europas beruht auf der hemmungslosen Ausbeutung der Natur und der Menschen (Sklaverei), aber wer will das wissen? Zumal diese Geschichte nicht zu Ende ist, und ihr Ende, soviel ist klar, im Stück,im Theater, und draußen, wird kein Sterben in Schönheit sein.
*Sven Beckert: Kapitalismus: Geschichte einer Weltrevolution. Hamburg 2025