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Theater

Kleiner Mann bleibt so


Das BE fängt ein

Das Berliner Ensemble, von dem ich immer weniger erwarte, schickt ungefragt neue Werbung. Das kommt daher, weil ich gegen meinen(!) Rat, dort auch das Kafka-Stück gesehen habe und also Karten gekauft. Ich rege an, dass die Besucher, die nach der Hälfte des Stückes gehen, wenigstens die Hälfte des Eintrittspreises erstattet bekommen, schließlich sind sie auch auf ein (falsches) Versprechen herein gefallen.

Und dass die bürgerlichen Theaterkritiker nichts (oder wenig) taugen, ist Erfahrungstatsache, und hier mal wieder bestätigt. (Mit großem Vergnügen werde ich auch in Zukunft Beispiele liefern. Derweil könnte man sich mit Karl Kraus beschäftigen.)

Nun zitiert die PR-Abteilung des BE, die sich Besucherservice nennt, so wie die Gebühreneinzugszentrale der ÖR (GEZ) sich Beitragsservice nennt (statt Amt für Erpressung und Nötigung), so könnte auch Mackie Messer wie jeder ordentliche Gangster sich z.B. Human-Service nennen, also die »Berliner Zeitung«, die was von »forschende, brodelnde Melancholie« faselt, Nun passen nicht alle Adjektive zum Subjekt, so würde ich die Melancholie, zumindest in psychoanalytischer Hinsicht, als nie forschend bezeichnend, sondern als Gegenteil: als trauernder Stillstand, und »brodeln« passt wohl eher in den psychotischen Teil (manisch, hysterisch). Aber dies wird einem anderen gegenübergestellt, nämlich der »kreissägenkreischigen Selbstgewissheit«. Auch hier ein Adjektiv, das mit seinem Subjekt wohl in einer Terror-Beziehung steht; aber unter Selbstgewissheit, es sei denn die der Säge, verstehe ich etwas anderes. Aber gut gebrüllt im bürgerlichen Feuilleton ist schon etwas wert, zumindest um zur Reklame zu taugen und den Ruf zu mehren; ob den des Stückes steht dahin.

Das Stück heißt »Kleiner Mann – was nun?« Nicht: Was tun! Es handelt sich mal wieder um ein Stück, dessen Bekanntheitsgrade vom Autor (Frank Castorf) ausgenutzt wird für einen »autofiktionalen Text«, aber der muss schon voll »anarchistischer Kraft« sein, das heißt nicht immer ganz klar.

Und dann gibt es noch, das ist ja keine Selbstverständlichkeit: großartige Schauspieler (»Welt«), und wer seine Stars sehen möchte, der verzeiht ihnen jedes Lied, weil es ihm wie wunder-was vorkommt.

Was uns erwartet: »Die Frage „Was nun?“ wurde historisch von der Machtergreifung der Nationalsozialisten beantwortet.« Ja und heute, wiederholt sich die Geschichte unter anderem Namen, aber im Theater wenigstens gibt es einen utopischen Moment. Nun, vielleicht wärmt das Stück wie der Roman die Bürgergeldempfänger, die mal wieder Opfer der herrschenden (und ihrer politischen) Klasse sind, und von ihren Gewerkschaften und den sich dafür mitfühlig fühlenden Parteien im Stich gelassen werden, statt in den Klassenkampf.

Der Besucherservice freut sich auf die Begegnung mit mir. Nun, darauf wird er warten müssen, und ob da die Freude wirklich so groß wäre?

Aber was sind schon 5 Stunden und 25 Minuten, wenn es eine Pause gibt: Ein Rausch, ich habe den Kater schon vorher.

» Und auch Benjamin gegenüber kommt Adorno auf den ‚Zweck der Revolution‛ zu sprechen, nämlich ‚die Abschaffung von Angst. Darum brauchen wir keine Angst vor ihr zu haben und darum auch nicht unsere Angst zu ontologisieren.‛« Dirk Braunstein: Adornos Kritik der Politischen Ökonomie. Freiburg/Wien 2025