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Oper

Staatsoper Stuttgart: Die schlaue Füchsin von Leos Janacek

Premiere (9.11.25): Die drei Mails, die mir das »Kommunikationsteam« der Staatsoper zuvor noch schickte, scheinen doch noch vom Erfolg gekrönt worden zu sein, ich sah jede Menge Premierengäste, Journalisten und die übliche lokalpolitische Prominenz. Wobei ich hier nicht von Kommunikation sprechen möchte, da doch dazu immer zwei Seiten gehören – zumindest nach altem Verständnis. Aber vielleicht ist das Kaufen einer Karte, wenn man der Kommunikation der einen Seite auf den Leim geht, auch eine Art »Kommunikation«?

Am Anfang erfreute uns der Lokalmatador Herr Kimmig (Regie) mit einer Hiphop-Einlage; was das mit der Oper zu tun hat, ist unklar, außer, dass es auch hier um ein Füchsepaar bzw. deren Eheproblem geht. Ich vermute, das ist die Übertragung dessen, was man in der Pop-Musik eine Vorgruppe nennt und die dem Publikum ordentlich einheizen soll. Das gelang nicht bei allen, die Erwartungshaltung ist dann (vorläufig?) doch eine andere. Aber die Masse des Publikums hat auch dies, wenn auch mit Verwunderung, goutiert. Es hätte uns aber gleich verraten können, worum es bei der Inszenierung geht…

Das Bühnenbild, um gleich mit dem Wichtigsten zu beginnen, war das Beste! Es gibt eine Bühne in der Bühne, die in eine Art Schacht (Luftschutzbunker oder Gorleben-Atommüllschacht, noch leer?) mündet, umrahmt mit einem schiefen! Rahmen, vielleicht Marmor imitierend. Damit war schon klar, das hier einiges schief geht oder sein sollte.

Was schief ging – oder auch nicht – ist das Erfolgsrezept dieser Oper: Chor mit Kindern, Natur, ein Jäger, etwas Dramatik, eine Liebe, den Ehemann spielte eine Frau, wir sind hier im grünen Musterländ, noch mehr Kinder usw.

Und ganz tot scheint die Füchsin ja nicht gewesen zu sein, lebt sie doch im Traum des Jägers weiter. Da die Lokalpresse schon das Problem der Waschbären aufgegriffen hat, die man nicht so leicht beseitigen darf, sind wir also auf der Höhe der Kulturlandschaft.

Die Musik, ich habe anschließend etwas von Tritonitis, nicht Tinitus, auch nicht Thanatos oder Tito, gelernt, aber leider nicht richtig, gefiel allen ganz ausnehmend. Das ist Musik, die nicht anstrengt, eingängig ist, die Leute gut unterhält. Und etwas, etwas abwechslungsreicher als Hiphop und eben auch Kinder und Natur! Die Kultur hatte es schwer in dem Stück, war wie heute bei uns auch, allenfalls durch das Gewehr vorgestellt.

Pause gab es keine, dafür lange Beifall. Kultur und/oder Natur taten hier keinem richtig weh.- Wir gehen nach Hause, und wenn wir nächstes Mal einen Fuchs sehen, lassen wir das Gewehr sinken.

Unklar war, das noch im Nachtrag, manches. Zum Beispiel: was im hinteren Teil der Bühne an irrlichternden Gestalten herumgeisterten? Waren das die vielen Männer, die im Frack zum Schluss auf die Bühne kamen, um auch noch vom Applaus etwas abzubekommen, oder sangen die irgendwann mit?


„Das Wirtshaus und Volksfest der Vergangenheit sowie die sportlichen und politischen Massendarbietungen in der Gegenwart, die Pflege des gemütvollen Familienlebens sowie die modernen Vergnügungsindustrien, der heitere und der ernste Teil der Rundfunksendung, alles zielt bewußt auf zufriedene Stimmung ab. Nichts macht einen Menschen verdächtiger, als wenn es an innerem Einklang mit dem Leben fehlt, wie es nun einmal ist.“ (Max Horkheimer)


Auch zum Wunsch, frei von Regeln zu leben, hatte Horkheimer wohl eine andere Ansicht, absolute Freiheit, Subjektivität, Innerlichkeit ist identisch mit absoluter Knechtschaft, aber das führt nun doch zu weit!

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Update: Wenn im Programmheft der Staatsoper zu lesen ist: »Wenn wir von Utopie sprechen, dann meinen wir eine Welt, die noch nicht existiert, aber als Möglichkeit in uns (von mir fett) aufscheint.« Und Janacek hätte mit der Füchsin so eine Utopie entworfen. So sehen wir hier die Reduktion von Utopie auf »gelebte Lebendigkeit«, Ausbruch aus Rollenmustern etc., also das Programm der bürgerlich Emanzipation der Frau, das so weit entfernt wie die Innenwelt von der gesellschaftlichen ist, wie die »Lebendigkeit« von der Emanzipation der Gesellschaft. Das Maß der Emanzipation der Frau als das der Gesellschaft – diese Forderung wird hier verkehrt bzw. abgeschnitten. Was bleibt ist Rebellion, also der reaktionäre Held, der gegen seine Umwelt kämpft, aber die gesellschaftliche Ordnung unangetastet lässt, also Reaktion, eine falsche Gemeinschaft, die in Kriegszeiten wieder verstärkt beschworen wird und wozu auch die Oper einen Beitrag leisten will, weil sie denn diesmal systemrelevant sein möchte. Keine Utopie sondern Sentimentalität (Erziehung der Gefühle) ist das Programm.