Die Dreigroschenoper wurde nun auch mal wieder in Stuttgart aufgeführt. Herr Bodó kämpft damit gegen das Orban-Regime in Ungarn, wie wir dem Interview im Programmheft entnehmen, wo »Korruption, das Vertuschen dunkler Machenschaften, Verschleierung und bewusste Irreführung gefolgt von Vergesslichkeit, sowie die Ausnutzung der Gesellschaft und ihre skrupellose Ausbeutung und Täuschung« herrschen. Nun wir sprechen natürlich nicht von Deutschland, wo milliardenschwere Deals per SMS, die dann sich in Luft auflösen, getätigt werden, Maskendeals weitab von Korruption stattfinden, alles schnell vergessen (gemacht) wird, und nun die Rüstung auf Kosten des Sozialstaats, Wohnungsbaus und dem Leben der Vielen bedient wird.
Was hat das mit der Dreigroschenoper zu tun? Sie trägt nicht weit hinaus über die Erkenntnis, dass die Gründungen eine Bank, heute besser Übernahme, mehr bringt, als sie auszurauben, was freilich im Endeffekt auf das gleiche hinaus läuft, aber auf weit höherem Niveau stattfindet (gerade bei der Commerzbank).
Diese Entwicklung kann das Erfolgsstück von Brecht nicht mehr einholen, und schon gar nicht, wenn es als Sedativum für das Stuttgarter Bürgertum verabreicht wird, dessen Magen (S21) ziemlich viel verdauen kann. Außerdem lieben wir die Songs, die hervorragend dargeboten werden. Der Rest ist Geschichte, Verdrängung und Verschiebung (Ungarn.)
Dazu dürfen mal wieder ein paar der Schauspieler zappeln, als wären sie schwerst behindert, aber das kennt man ja schon, und ich nenne keine Vorbilder, um keine weiteren Abbilder zu zeugen. Am Schlimmsten sehen die Nutten im Bordell aus, sozusagen im Ganzkörperverband mit Wunden, als Sinnbild all dessen, wogegen in Stuttgart von linksliberaler Seite (SPD und Grüne) gekämpft wird. Sozusagen die Fortsetzung der Aktion »Let’s putz« eines früheren Bürgermeisters, der dunkle und schmutzigen Ecken als Brutstätte von Kriminalität entdeckt hatte. Nun, kennt er Mackie Messer und weiß, was aus ihm geworden ist?
Ich muss an Karl Kraus erinnern, und warum er der Operette den Vorzug vor der Oper gab: ernste Themen kann man nicht singen, die Operette kann diese Themen (z.B. Militarismus) dadurch »bewältigen«, indem sie sie durch Größe (Übertreibung) klein macht, ihnen mit Witz und Satire zu Leibe rückt. (Esprit ist bei uns ein Fremdwort und Geist kommt höchstens aus dem Jenseits.)
Brechts Oper war bei den Freunden von Peachum und Messer zu erfolgreich, als dass ihr heute noch zuzutrauen wäre, dass sie einen Gedanken entzündet, der die (Eigentums-)Verhältnisse in Frage stellen könnte. Darüber sind wir lange hinaus, wie der starke Beifall erzählte.
Eine Dreigroschenoper, die vor der deutschen Misere davon läuft, ist Unterhaltung, die kaum mehr die (bürgerliche) Moral kitzelt, da diese ja ohnehin schon auf Investment-Banker-Niveau bzw. BlackRock-Niveau gelandet ist.
Ich schlage also vor, dass eine Weile darauf verzichtet wird, Brecht zu inszenieren, damit sich dieser von Regie und Publikum erholen kann. Er wäre nötig in Zeiten, da wieder Leichenbergen mit deutscher Waffen- und anderer Hilfe wachsen, aber vielleicht muss man Schweigen, weil das Wort und der Gesang so korrumpiert sind, dass sie uns Ohren und Hirn verstopfen. Wo habe ich das nur her? »Wer etwas zu sagen habe, trete vor und schweige«.
»… ist die sogenannte Popularisierung nicht nur eine moralisch gefaßte Beleidigung des Proletariats, sondern auch ein politischer Irrtum. Intelligenz ist eine Funktion und keine Substanz, und als Funktion muß sie in Tätigkeit gesetzt werden.« Agnoli, Johannes: Überlegungen zum bürgerlichen Staat. Verl. Klaus Wagenbach, Berlin, 1975