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Theater

Besuch: Mario und der Zauberer

Neufassung von Nadja Frolowa nach Thomas Mann. Atelier Theater, Stuttgart, am 25.4.26

Wer Theater noch als Theater, als von Menschen und für Menschen gemachte darstellende Kunst erleben möchte, ohne vom technischen Apparat, den Produktivkräften, die sich in Destruktivkräfte verwandelt haben (in kultureller und in möglicherweise noch fatalerer Hinsicht, man denke an Günther Anders), erdrückt zu werden, der sich mitunter als Selbstzweck entpuppt, der, jetzt haben wir es geschafft, ist hier gut aufgehoben!

Die humanistische Botschaft des Stückes ist evident, und die Schauspieler und Schauspielerinnen bringen das in der intimen Atmosphäre des Theaters auch gut herüber. Das Ganze hat fast den Charakter eines Wohnzimmers und man ist mittendrin. Welche Liebe zum Theater und welches Engagement ermöglicht so etwas? Und wie viel Geld fließt statt dessen in die bourgeoise Kultur, von deren humanistischem Erbe wenig oder noch weniger übrig ist – häufig nur noch »überschriebene« Namen. (Ausnahmen ok.)

Mit wenig Mittel, (anspielungsreicher) Musik, etwas Garderobe, Gesten(!) und Sprache (das Deutsch mit Migrationshintergrund passt ganz ausgezeichnet und erhöht den Reiz der Dialoge noch, erinnert auch etwas an Madame Chauchat), und eine untergegangene Welt entsteht vor unserem geistigen Auge. (Die als Wiederauferstandene uns und die Welt erneut bedroht.) Man hätte vielleicht zu Beginn ein wenig aus dem originalen Text vorlesen können, um uns noch besser auf die Situation und die Stimmung der Erzählung einstimmen können: »Es war Mitte August, die italienische Saison stand noch in vollem Flor; das ist für Fremde der rechte Augenblick nicht…«. D.h. einen Übergang vom Text zum Theater gestalten können…

Und es war nach meinem Empfinden der ganz seltene Fall, dass man eine Erzählung kennt, von einem Roman ganz zu schweigen, und man ist nicht enttäuscht von dem, was man sieht, i.G. zu dem, was ich in Berlin (BE) oder am Staatstheater Stuttgart schon ertragen musste. Man hat sogar Lust, das Stück nochmals zu lesen. Was soll man sich wünschen? Dass das Engagement dieses kleinen Theaters Früchte trägt, mehr Besucher kommen. Wobei das Stück sich wohl an die wendet, die Thomas Mann schon gut kennen. Man könnte von den Milliarden, die für die neue Oper vorgesehen sind, gerne ein paar Zehntausend abzweigen, um diese Art Kultur zu fördern, ohne dass dann ein paar abgeschobene und/oder gut versorgte Politiker sich einmischen dürfen. Das wäre das Ende wie das der offiziellen Kultur…

»Da die Ölförderung, insbesondere im Nahen Osten, meistens unter autoritären Regimen stattfand, waren die Goldenen Jahre durch das seltsame Schauspiel gekennzeichnet, dass die blühenden liberalen Ordnungen, die ihrer Bevölkerung neue Chancen eröffneten, ihren buchstäblichen Nährstoff von ihrem illiberalen Gegenteil bezogen. Diese vernetzte Verschiedenheit war in der Geschichte des Kapitalismus natürlich nichts Neues.« Sven Beckert: Kapitalismus: Geschichte einer Weltrevolution. Hamburg 2025

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