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Shit- und Bück-Bürger


»Wer kniet, der bückt sich nicht.« Zu: Ulf Poschardt, Bückbürgertum, Westend Verl. 2026

Was soll man machen, auch dieses Buch, das ich mir nie gekauft oder ausgeliehen hätte, wurde mir geschenkt. Also habe ich es gelesen.

Es ist der zweite Band einer dreibändigen subjektiven Abrechnung mit dem Bürgertum, wobei unklar ist, was das genau ist, denn Herr Poschardt verabscheut sozial-strukturelle Analyse, »Soziologie« goutiert er z.B. in Form der populären Schwundstufe von Andreas Reckwitz. Bürgertum sind ihm alle Bürger des Staats, bürgerlich ist ihre »Formation«; sagen wir so: bürgerlich ist das, was Herr Poschardt je nach Laune und Zielfernrohr darin erblickt – fertig.

Da er eine ähnliche Zielgruppe für seine Attacke hat: im Vergleich »Bückbürgertum« gegen Sahra Wagenknechts »Die Selbstgerechten« ist der Niveauunterschied eklatant, da Herr Poschardt auch von Ökonomie und Klassenanalyse keine Ahnung hat, eher sind Western-Filme sein Ding, zumal er sein Shit-Bürgertum schon gleich nach dem Ende des II. Weltkriegs in den Startlöchern sieht, in das er es gerne wieder zurücktreiben möchte.* Dafür muss er dem Bückbürgertum, den Opportunisten im Bürgertum, gehörig den Marsch blasen und malt deswegen seine Fight-Bürger als Antipoden und Heroen an die Wand bzw. in den (Nacht-)Himmel. Nachdem, wie er nicht ganz falsch meint, die Nazis mit den Juden die bürgerliche Kultur vernichtet haben. Nur ist die Frage, was es dann mit der anderen (Mainstream) deutschen Kultur auf sich hat? (Eine sehr spezielle Sicht auf Kultur, nicht antifaschistisch, sondern umgekehrt. Aber das Gegenteil von etwas Falschem ist nicht das Richtige. Lenin mit seinen zwei Kulturen könnte da helfen, aber der ist nicht im Diskursraum.)

Seinen Super-Helden stellt er S. 91 aufs Podest: »der schlanke, hochgewachsene Frauenheld und unerschrockene Freiheitskämpfer« Axel Springer!; einer dessen Gegenspieler: Bernt Engelmann, der mit Hilfe der Linken zu einem »Spießer, schlechten Schriftsteller, phantasielosen Erbsenzähler und Primitiv-Materialisten« gemacht wird. Und der irgendwie auch für die Gewalt gegen die Reichen mitverantwortlich war!

Selbstverständlich ist er für Israel, komme, was das wolle, einschl. Völkermord, und hat als Buhmann bzw. Blitzableiter dafür den sehr beliebten »linken Judenhass«, den auch ein Richard Schuberth bedient, ohne dass wir hier von Querfront oder einer anderen sprechen wollten.

Kleine Sprünge in der Logik: S. 74 lesen wir über den Erfolg des Godesberger Programms: es »holte die SPD aus dem ideologischen Kerker marxistischer Ideologie«, um kurz danach lesen zu müssen: »Wie die Sozialdemokraten die wissenschaftlichen Analysen des Marxismus im Sozialmoralischen verdampfen ließen.« Das kommt öfters vor, aber wen stört das, da dieses Buch ohnehin eine Art Werkstattbericht gibt. Wir empfehlen dringend, das Lektorat zu wechseln!

Was aber nun?

Was liest man da vom Höhepunkt der Begegnung von Habermas und Ratzinger? Sind das die ideologischen Helden dieses Reaktionärs, der sich an die Seite der Reichen (irgendwas mit Leistung als dem Stand vor ca. 200 Jahren) und gerne vor sie stellt, um die elenden Schnorrer, die sich den Klimawandel, offene Grenzen und anderes Zeug ausgedacht haben, aus dem Tempel zu jagen, damit wieder Platz für seinesgleichen werde?

Es ist wie bei schlechten Theaterstücken, über diese kann man viel mehr schreiben als über gelungene, so könnte man viel über dieses Buch und seine Merkwürdigkeiten schreiben, etwa dass Herr Poschardt Beckett, Müller oder Beuys liebt. Das erinnert doch an die Nazis, die technisch avanciert waren, aber kulturell nicht über Wagner hinaus kamen, und selbst dieser war den meisten nur mit Freikarten und (sanftem) Zwang zu vermitteln. Hier geht einer mutig weiter. (Er ist kein Nazi, auch historisch: nicht alle Reaktionäre waren mit den Nazis einverstanden.)

Übrigens überlebt Wagner nicht nur in Bayreuth, und die Versuche hier eine nationale Kultur zu etablieren, führen selbst einen Kretschmann und Özdemir auf den grünen Hügel. Bückbürger oder was, fragt man sich da?! (Besonders lustig war dort die Polizei, die sich auch mit Fahrrad, Freundin und Kinderwagen tarnte. Ob in dem Kinderwagen die MPs lagerten, konnte ich leider nicht sehen. Zu sehen waren die »Großen«, die nicht schnell genug mit Blaulicht und Begleitschutz entfliehen konnten. Ein Passant (?) meinte zu einer Polizistin, ich bin doch Kollege, da ließ sie ihn durch. Also, wenn Sie nächstes Mal vor einer Polizeikette stehen, sagen sie dies. Mal sehen, ob es hilft. Sollte es ein Code-Wort geben, sagen Sie ein anderes; das wird dann ein Kompetenzgerangel, wo sie sicher durchkommen.)

Fassen wir den ersten Teil meiner Lektüre zusammen: Bückware oder ein Shit-Buch.

* Wir vermuten, dass das Buch eigentlich von Thomas Schmid stammt, der nun gefühlt auf jeder zweiten oder dritten Seite hofiert wird. Ich verzichte darauf, das nachzuzählen.

PS: Von Bernt Engelmann gibt es viele gute Bücher z.B.
1973, Ihr da oben – wir da unten (mit Günter Wallraff). Kiepenheuer&Witsch
oder was Herrn Poschardt sicher besonders gefiel:
1963, Meine Freunde, die Millionäre. Ein Beitrag zur Soziologie der Wohlstandsgesellschaft nach eigenen Erlebnissen. Schneekluth, Darmstadt

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