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Kapitalismuskritik

Zum Arzt

Ich mache eine neue Erfahrung, die andere sicher schon kennen: Ich möchte wg. Zahnschmerzen einen Termin bei meinem Zahnarzt: Wartezeit ca. 2 Wochen. Ähnlich ist es beim Orthopäden. Da ist interessant, dass es mir nicht mehr gelingt, telefonisch einen Termin zu vereinbaren, da meine Geduld in einer Warteschleife ab 7 Minuten endet, wobei das bei dem Gedudel in der Leitung schon eine Zumutung ist. Auch hier muss man 2-3 Wochen warten. Ist dann ein MRT fällig, wieder eine ähnliche Wartezeit beim nächsten Arzt, auch hier wird man auf das elektronische Buchungssystem verwiesen. Wer keinen Computer hat oder damit nicht umgehen kann, hat es schwer und muss mehr Zumutungen (Warteschleifen) in Kauf nehmen oder ist verloren…

Dieses elektronische Buchungssystem ermöglicht auch eine Option, dass man benachrichtigt wird, wenn ein früherer Termin frei wird. Eine entsprechende Mail fand ich heute Morgen vor. Super, dachte ich, wähle mich ein, da erscheint die Nachricht: zu spät, der Termin ist schon vergeben. Was ist das nun: ein Rattenrennen? Wer morgens der Schnellste am Computer oder Smartphone ist, wird belohnt? Als wollte man Theater- oder Opernkarten bestellen und wartet auf die Kartenfreigabe?

Übrigens hatte bei meiner letzten Bahnfahrt die Bahn hin und zurück immer mehr als eine Stunde Verspätung. Immerhin wurde meinem Erstattungsantrag entsprochen und 25% meiner Fahrtkosten mir ersetzt. Scheint ein Teufelskreis bei der Bahn zu sein… – Nun sehe ich ein, dass man so ein System nicht bei Arztbesuchen einführen kann, diese können ja nichts dafür, dass es zu wenige gibt. Dafür können die Parteien, schwarz-rot-grün*, etwas, die die Universitätsausbildung für Ärzte in den letzten Jahrzehnten haben schleifen lassen – in der Hoffnung auf den »Brain Drain«, also syrische und andere Ärzte, die wir von dort abwerben, oder die zu uns fliehen müssen, denn unsere Werte, die wir auch in diesen Ländern von Oben her verwirklichen, wie gerade im Gaza und Iran, treiben sie in unsere Richtung. (Von der Ukraine ganz zu schweigen.)

Doch mein Orthopäde ist hier ein Vorbild. Er rennt von einem zum anderen seiner zwei Behandlungszimmer, was so mit sich bringt, dass er am hellen Morgen schon etwas verschwitzt wirkt, verzichtet auf weitere Nachfragen, ist am Smalltalk gänzlich uninteressiert, um die Behandlungsdauer, wenn man das so nennen darf, auf Sekunden bis höchsten 1-2 Minuten zu begrenzen. So stelle ich mir die moderne Medizin vor: rasend schnell, und denke mit gewissemWehmut an den homöopathischen Arzt meiner Eltern zurück, wo das alles viel, viel länger dauerte, das war gleichzeitig immer auch ein kleines Lebensberatungsgespräch. Wenn das erreichte Alter ein Kriterium wäre, konnte er nicht ganz schlecht gewesen sein. Ich bin natürlich für die Evidenz basierte Medizin, aber was ist nun nach Corona noch Evidenz? (Geld und Macht haben bei uns wohl die größte.)

Zurück ins Leben: Nun habe ich vor jeden Morgen um 6 Uhr aufzustehen, und zu schauen, ob es einen früheren Termin auf diesem Arzt-Buchungsportal gibt und dann werde ich zuschlagen! Obwohl, bei all der Aufregung habe ich meine Schmerzen schon vergessen, und außerdem fällt mir ein, ich hatte mal eine »Kalkschulter«, also Schmerzen im Arm und dieser war nicht mehr richtig beweglich. Fast drei Wochen Wartezeit. (Nun verstehe ich, warum die Notaufnahmen überfüllt sind.) Als ich dann zu dem Arzt durfte, war meine Kalkschulter schon von alleine geheilt. – Vielleicht ist das die Lösung? Jeder Patient muss einen Monat warten, bis er zum Arzt darf. Wenn er dann nicht mehr lebt, war er ohnehin ein hoffnungsloser Fall, ist er von alleine gesundet (Selbstheilungskräfte wie in der Marktwirtschaft aber ohne den Staat!) haben wir viel Geld gespart; und ist er noch immer krank, hat er wenigstens bewiesen, dass er kein Simulant ist. Wäre ich nicht als neuer Gesundheitsminister ein Tipp?

* Ich vermute, dass man Protagonisten dieser Politik von Merz zurück zu Lauterbach bis Habeck nicht in der Warteschlange findet. Leider aber deren verdummte Wähler.


PS: Aus der dunklen Vergangenheit in eine ebensolche Zukunft: »Die Zerstörung der liberalen Basis des Kapitalismus wurde laut dem Historiker Jürgen Kocka ›durch kapitalistische Führungsgruppen und Teile der Bourgeoisie maßgeblich gefördert‹.« In: Sven Beckert: Kapitalismus: Geschichte einer Weltrevolution. Hamburg 2025