Der neue „Feinschmecker“ 11/26 hinterlässt einen etwas zwiespältigen Geschmack auf der Zunge. Hamburgs neue Lokale werden entdeckt, etwas zu Thomas Mann aus den Buddenbrooks, d.h. was dort gegessen wurde; dazu gab es schon vor langer Zeit ein Buch, aber egal, kann man immer wieder neu entdecken.
Und die übliche Wein- bzw. diesmal Sektverkostung. Deutscher Sekt! Der ist besser als sein Ruf! Falsch, an seinem neuen Ruf wird auf allen Kanälen bis zur Provinzzeitung schon länger gearbeitet. Dazu eine fröhliche Prämierung; hier trifft das „gut gelaunte Schauspieler“ einmal zu, auch wenn sich die Leute nicht als solche sehen – evtl. als Journalisten und/oder Kenner, was sich eigentlich ausschließt. Aber dazu nichts mehr.
Ein Vorschlag, da ich diese Prämierungen für völlig sinnlos halte, da Geschmack subjektiv bleibt. Da kann man noch so viel schwatzen und Wortkaskaden plätschern lassen. Deshalb ein Vorschlag: Statt über die Sekte zu faseln, sollte die Jury ihre Karten offen legen. Was haben sie auf dem Konto und in welcher Liga (Preisklasse) haben sie in den letzten Jahren gesoffen. Interessenskonflikte sollten auch benannt werden (Netzwerk oder neudeutsch: Clanmitgliedschaft). Und was haben sie v.a. in den letzten Jahren genau getrunken und wie viel? Dann würde man einen Eindruck bekommen, in welche Richtung der Geschmack dieser Leute tendiert; und wie homogen die Jury ist, was natürlich schlecht wäre. Die Idee eines Lesers, die man hinten findet, dass da ein Leser dieser Zeitschrift, durch Los bestimmt, mittrinken und mitmachen darf, finde ich gut, ich würde aber noch einen Obdachlosen dazu nehmen. Also wenigstens einen aus dem Volk. Wäre interessant, wie das sich auf das Urteil auswirkt.
Die Bilder des Essen sehen alle nett aus, und das dürfte auch das Problem sein, es sind angerichtete Fotomotive, eine Art Plastik aus Essbarem. Zwar isst das Auge mit, aber hier überwiegt eindeutig das Auge, der intellektuelle Sinn. Müssten die Leute blind essen, also vorher Augen zu, wären die Genüsse ganz andere. Ja, aber warum nicht sehen, darf zurecht gefragt werden?!
„Was gesehen wurde, wird wiedererkannt und so bestätigt, und gleichzeitig wird derjenige, der es sieht, durch das Gesehene bestätigt.“ John Berger
Ein Teufelskreis der Immanenz, der sich als Originalität missversteht. Nun, auch der Seh-Sinn will geschult sein, und daran mangelt es entschieden, sonst hätten wir eine andere Medienlandschaft. Denn wer will DAS ALLES sehen? Oder es ist ein stumpfes Sehen, kein wirkliches Betrachten, Erkennen?
„Das Problem ist, daß man nicht über Ästhetik sprechen kann, ohne über das Prinzip Hoffnung und die Existenz des Bösen zu reden.“ John Berger
PS: Leider habe ich versäumt mir das Ticket für das exklusive Gourmet-Weekend im Hotel Bareiss zu sichern, das ich in keiner guten Erinnerung habe. 1. War es darin zu dunkel und 2. gab es darin definitiv zu viel Schokoladiges. Übrigens war es bei der nahen Konkurrenz zwar besser, dafür kam man sich wie in einer Turnhalle vor, wir saßen direkt an der Holzwand. Dieser Eindruck wurde durch die weißen Turnschuhe des Personals, ich nenne die Dinger so, bestätigt und die etwas aufdringliche „Fröhlichkeit“ desselben. Da lobe ich mir die Schweiz insbesondere das Cheval Blanc, Basel, wo man sich bei Kerzenlicht wie in Draculas Gruft vorkommt, und wo die Brötchen das Beste waren. (Was nicht heißt, dass der Rest nicht auch gut war.) Nur, dass die Kunde vom guten deutschen Sekt noch nicht bis hierher durchgedrungen ist. Daran muss der „Feinschmecker“ wohl noch arbeiten.