Vortrag von Helga Baumgarten: Briefe aus Jerusalem. Die Veranstalter* haben einen Titel für die Einladung gewählt, der einerseits relativ neutral klingt, anderseits an die gleichnamigen Berichte in der „Jungen Welt“ erinnert. Ob der Titel geeignet ist, wie der einführende Redner vermutete, die pro-israelischen Krawallmacher abzuhalten, kann ich nicht beurteilen, zumindest lief dieser sehr gut besuchte Abend ganz friedlich ab.
Weniger friedlich ist das, was die Referentin zu berichten hat. Da waren zuerst die durch verschiedene Quellen gestützten Berichte über die palästinensischen Gefangenen, die dort aus unterschiedlichen Gründen, auch ohne solche, in unterschiedlich schlimmen Gefängnissen einsitzen. Stimmt das, was sie sagt, dann wäre ein Vergleich mit Nazi-Methoden, die sich nicht auf Gaskammern beschränkten, durchaus angebracht, wenn er denn nicht verboten wäre. Es reicht von der Hölle auf Erden zu sprechen. Dass dies in einem „zivilisierten“ Land möglich ist, von der Welt geduldet und von Deutschland unterstützt, zeigt den Grad der gegenwärtigen „Zivilisation“ in der westlichen (Werte-) Welt an.
Thema war nicht die Situation in Gaza, nur zum Schluss, sondern in der Westbank, ein widerrechtlich besetztes Gebiet, das sich anschickt, zu einem zweiten Gaza zu werden, also von Palästinensern „befreit“, zu Gottes (Israels) eigenem Land werden soll, zumindest wollen dies Politiker der Natanjahu-Regierung und vermutlich der nächsten so.
Die Berichte sind nüchtern, sachlich, stützen sich auf israelische, UN-(nahen) und anderen Quellen, man kann sie kaum widerlegen. Wir haben hier ein völkermörderisches neokolonistisches Projekt vor uns, das von Deutschland aus mit Waffen unterstützt wird.- Wir sind also wieder wer! Eine Vergangenheit, die nicht vergehen wollte, ist unter neuen Vorzeichen wieder da. Und das macht es für einfältige Gemüter auch schwerer zu verstehen. (Das ist die gutwillige Interpretation.)
Frau Baumgarten meint es gut mit uns, sie will uns nicht in tiefster Verzweiflung (Depression) entlassen, deshalb gibt es für uns zwei gute Nachrichten: 1. Der Sieg Lulas in Brasilien, 2. dass der palästinensische Arzt Mazen al-Rantisi, zwar schwer gezeichnet von der Folter, aber lebend aus der Gefangenschaft entlassen wurde. Manchmal scheint internationaler Druck etwas zu bewirken; freilich zu wenig, da noch viele andere inhaftiert sind.
Wir bekommen auch noch etwas Hermann Hesse mit und einen kleine Fußtritt in Richtung Berner Bevölkerung, denen es an heiterer Gesinnung zu fehlen scheint, während die Menschen in Gaza den Lebensmut nicht verlieren!
Vielleicht ist es für unsere (schwäbische) Mentalität notwendig, etwas Optimismus mitzubekommen, weil man sonst nicht weitermachen könnte?
Ich glaube leider anderes. Ein Freund meinte, dass es auch verlorene Völker gebe, zu schwach für einen eigenen Staat, ohne wirkliche Verbündete, von der Welt im Stich gelassen – zum Untergang verurteilt. Das darf nach Gramscis Gedanken, Pessimismus in der Theorie, uns nicht von einer (optimistischen) Praxis abhalten. Ich glaube, es war Herbert Achternbusch, unvergesslich, der das formulierte: Du hast keine Chance, aber nutze sie.
Wir können die „Rote Hilfe“ unterstützen, um dem kriminalisierten pro-pälestinensischen Protest vor deutschen Gerichten zu helfen, oder sich mal aus ersten Hand mit dem BDS (Boycott, Divestment and Sanctions) beschäftigen, ob der nicht besser als sein Ruf ist? Und wir können die Berliner Linke verspotten, die ihre Abgeordneten zwingt, ein Papier zu unterschreiben, das die Existenz Israels anerkennt, und nur eine Abgeordnete ordnet das richtig ein. Eine Komödie, ein Trauerspiel, eine Farce?
Die Unterstützung Israels und der Ukraine, d.h. ihrer jeweiligen Regierungen(!), ist eine schiefe Ebene, die uns in eine Vergangenheit reißt, von der wir glaubten, sie läge hinter uns (1914, 1933).
* https://allmende-stetten.de/
Buchtipp alt:
Massing, Paul W.: Vorgeschichte des politischen Antisemitismus. Vorwort von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno. Frankfurt a.M. 1986
Neu:
Baumgarten, Helga und Norman Paech: Völkermord in Gaza. Eine politische und rechtliche Analyse. Promedia Verl. 2025. 232 S.