und einem zweifelhaften Antifaschismus – etwas Ideologiekritik*
Nun, vielleicht brennt das Feuer, das den Dritten Weltkrieg auslösen könnte, und das machtvoll genährt wird, vor der Brandmauer und nicht dahinter? Dahinter liegt höchstens noch der eine oder andere Kanister Benzin, falls es – im Fall des Falles – nicht schnell genug brennt.
Da ist es an der Zeit für diejenigen, die mit Marx und denjenigen, die sich auf ihn berufen, nicht ganz abgeschlossen haben, sich an die ganze Palette des Spektrums zu erinnern. Es gab nicht nur den missbrauchten Gramsci, der als Rechtfertigung für das Erstürmen von Parlamentssitzen, Ausschussvorständen, Vizepräsidentenaufgaben des Bundestages, Ministerpöstchen und darunter, Zuschüssen, oder Vorsitzender der staatlich alimentierten Rosa-Luxemburg-Stiftung, dient; Rosa Luxemburg hätte ihre Freude daran! Nein, es soll auch nicht an Gustav Landauer erinnert werden: »Wer vom Staat isst, stirbt daran«, nein, an einen ganz anderen, der eine Position einnahm, die gut als Gegengift in unsere Zeit passt. Davor aber zur Aufklärung etwas Lenin:
»Lenin sprach von den ›krampfhafte[n] Bemühungen‹ der Bourgeoisie, ›ideologisch-politische Argumente für die Verteidigung der Herrschaft der Ausbeuter zu finden. Unter diesen Argumenten wird die Verurteilung der Diktatur und die Verteidigung der Demokratie besonders hervorgehoben.‹ Lenin wies darauf hin, dass ›das Geschrei zur Verteidigung der ›Demokratie überhaupt‹ in Wirklichkeit nichts anderes ist, als die Verteidigung der Bourgeoisie und ihrer Ausbeuterprivilegien‹. Mit dem Ausdruck ›Demokratie überhaupt‹ bezieht sich Lenin darauf, dass sie die spezifische bürgerliche Demokratie verteidigt, d.h. die politische Form ihrer eigenen Klassenherrschaft.«
Ich meine Amadeo Bordiga, der in einem Interview 1970 (findet man im WWW) den »antifaschistischen« Block ganz anders kommentierte:
»Wir sagen seit vielen Jahren und ohne im geringsten zu zögern, dass man den Feind Nr. 1 nicht im Faschismus ausmachen kann, sondern dass das grössere Übel der ›Antifaschismus‹ darstellt, ein grösseres Übel, als es der Faschismus verursachen könnte, trotz aller Schäbigkeit. Der ›Antifaschismus‹ hatte einem Monster historisches Leben eingehaucht: nämlich einem grossen Block, der die ganze Bandbreite der kapitalistischen Ausbeutung und seiner Nutzniesser umfasst – von den grossen Plutokraten bis hinunter zu den lächerlichen Scharen von Halb-Bourgeois, Intellektuellen etc«.
Wer das nicht versteht, und das werden 99 Prozent sein, so vermute ich, das Argument ist ungefähr so: Wenn diese Medizin die Krankheit (Kapitalismus) nicht heilt, sondern verlängert, mit immer brutaleren Auswirken und der Möglichkeit neuer Kriege und Massenmorde, dann ist diese Therapie schlimmer als die Krankheit, weil sie uns davon abhält, die wirklichen Ursachen der Krise(n) zu erkennen und zu bekämpfen. (Antifaschismus muss Antikapitalismus sein, sonst hat er keinen Wert! Anders gesagt, man muss das Übel mit der Wurzel ausreißen, sonst wächst es immer wieder nach – wie aktuell. Faschismus ist ein Form der Herrschaft der Bourgeoisie, bei der sie die Regierung, den Staat, den Faschisten überträgt, um ihre soziale Herrschaft über die Krise zu retten. Hier lohnt August Thalheimers Faschismustheorie.)
Dann kommt die sogen. »Linke« heraus, aber kein Klassenkampf, und nicht in Richtung Sozialismus. (Für wen die Wohltaten des westlichen Kapitalismus anfallen und wer sie bezahlt, kann man aktuell bei Sven Beckert: Kapitalismus: Geschichte einer Weltrevolution. Hamburg 2025 nachlesen).
Betrachtet man die Geschichte, gehören falsche Weichenstellungen, und mögliche ganz andere Wege dazu. Um nicht im Banne der herrschenden Ideologie zu bleiben, ist offenes marxistisches (Nach-)Denken wünschenswert. Dazu bietet das Buch: Jan Hoff: Emanzipatorisches Denken auf sechs Kontinenten. Ein Überblick über die Marx-Rezeption der Gegenwart. 1. Band. Verlag: BoD, Hamburg 2026 ordentlich Stoff.
* Dieser Text war als Beitrag für die Sondernummer des „Ossietzky“ gedacht, hat es aber leider nicht geschafft. Vielleicht zu extrem? Man sollte eine Position zu Kenntnis nehmen, auch wenn man sie nicht teilt. Sie enthält vielleicht einen interessanten Gedanken. Und wenn Theorie immer eine Zeit hat, so mag für manche Theorie, die zur Unzeit entstand, ihre noch kommen.